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Der Bio-Gipfel steht in einer jungen, aber dynamischen Tradition: 2020 entstand die Idee eines innovativen Vernetzungstreffens für die gesamte Bio-Branche. Die Vision: einen Ort zu schaffen, an dem sich Menschen und Organisationen der Bio-Wertschöpfungskette austauschen, voneinander lernen, Initiativen sichtbar machen und gemeinsam an einer nachhaltigen Zukunft arbeiten können.

Am vergangenen Freitag fand der Bio-Gipfel nun zum fünften Mal an der BFH-HAFL in Zollikofen statt – mit dem Thema «Bio: Wohin? Von der Vision zur Umsetzung!».

«Bio muss Emotionen wecken!»

Zum Einstieg erklärte Verhaltensökonom Gerhard Fehr dem Publikum das oft irrationale Verhalten von Konsumentinnen und Konsumenten. Die Forschung zeige, dass Bioprodukte zwar als sehr sinnvoll erachtet würden und theoretisch Kaufabsichten bestünden. «Tatsächlich landet jedoch nur ein Bruchteil auf dem Teller». Ähnlich wie bei Neujahrsvorsätzen würde der (Kauf-) Wille von anderen Impulsen oder Preisüberlegungen überlagert.

Fehr gab dann zu Bedenken, dass «Bio» im Laufe der Jahre von einer anfänglich starken Bewegung zu einer Marke geworden sei – und damit an emotionaler Kraft verloren habe. Attribute wie «regional» oder «vegan» würden heute mehr Emotionen auslösen. Um relevant zu bleiben, müsse «Bio» wieder mehr Emotionen wecken.

Auch Adrian Müller vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL plädierte für ein Umdenken. Statt von Ertragslücken im Biolandbau zu sprechen, müsse man zeigen, dass zu hohe Erträge im konventionellen Anbau nicht nachhaltig seien. Bio werde nach wie vor zu selten als beste Lösung für umweltfreundliche Ernährung wahrgenommen. Die Branche müsse sich deutlicher als nachhaltige Lösung positionieren, ist Müller überzeugt.

«Bio ist im Laufe der Jahre von einer anfänglich starken Bewegung zu einer Marke geworden sei – und hat damit an emotionaler Kraft verloren.»

Gerhard Fehr, Verhaltensökonom

«Die Vielfalt und Kreativität auf den Bauernhöfen stimmen mich zuversichtlich.»

Nicole Egloff, Autorin

Brändli möchte 15 Prozent Marktanteil

Nach neuen Wegen sucht auch der Dachverband «Bio Suisse». Präsident Urs Brändli stellte die neue Fünfjahresstrategie vor, mit der der Marktanteil von heute elf auf fünfzehn Prozent steigen soll. Die Strategie ist sehr partizipativ entstanden. Er und sein Team hätten unzählige Hofgespräche mit Produzentinnen und Produzentinnen geführt. Im Gespräch mit Dora Fuhrer von «Bio Bern» ging Brändli auch auf umstrittene Themen ein, etwa auf die Rolle von Importen. Wenn die Nachfrage nach Produkten wie Winterjoghurts mit Beeren bestehe, dann solle sie zumindest mit Rohstoffen in Knospe-Qualität gedeckt werden, ist Brändli überzeugt.

Einen erfrischend persönlichen Blick auf die Zukunft der Landwirtschaft brachte Autorin Nicole Egloff ein. Zwölf Höfe hat sie für ihr neues Buch «Das Radiesli stimmt mich zuversichtlich» besucht, dort mitgearbeitet und mitgelebt. Die Vielfalt und Kreativität, die sie dort antraf, stimmt sie zuversichtlich. Egloff zeigt mit ihrem Einblick in einige besondere Betriebe, dass Landwirtschaft auch ganz anders funktionieren kann: innovativ, vernetzt, regional verankert und mit mehr Wertschätzung für Lebensmittel.

Positive Zukunftsbilder als Ansporn

Wie vernetzt und regional gelebt werden kann, zeigte auch das Praxisbeispiel Bio26 in Freiburg: ein Laden mit über 1’000 Bio-Produkten und einem Bistro. 75 Produzentinnen und Produzenten aus der ganzen Region beliefern Bio26 und im Bistro landen ihre Produkte direkt auf dem Teller. Trotz hoher Ansprüche an Regionalität brauche es Kompromisse, sagten Urs Gfeller, Präsident von Bio26, und die Kommunikationsverantwortliche Helene Zenhäusern. So legen Kundinnen und Kunden einerseits Wert auf die Verfügbarkeit von Produkten und wünschen sich im Winter vitaminreiche Zitrusfrüchte. Ziel bleibe aber, so Helen Zenhäusern, möglichst nahe am Ideal von «alles aus der Region» zu bleiben.

Zum Schluss des Vormittags richtete der Berner Agronom, Sänger und Schauspieler Michael Schoch den Blick nach vorn: Dystopie oder Utopie? Das Publikum entschied sich klar für Letzteres. Seine Botschaft: Positive Zukunftsbilder sind keine Träumerei, sondern Ansporn. Denn was wir heute tun, präge die Welt von morgen, betonte Schoch.

Nach einem unterhaltsamen und auflockernden Speed-Dating, der Mittagspause und einer humorvollen Auflockerung durch Komiker Gere Tschan, konnten die Teilnehmende verschiedene Zukunftsbilder in Workshops weiterdenken.

Vom Träumen ins Handeln

Im Gastronomie-Workshop rückten drei Hebel in den Fokus: mehr Transparenz durch Deklaration, Einkaufsgemeinschaften für wirtschaftlich attraktives Bio und eine Ausbildung, die Nachhaltigkeit selbstverständlich macht. Ergänzt wurden diese Ideen durch Storytelling, digitale Lösungen und Kooperationen entlang der Wertschöpfungskette.

Parallel dazu diskutierte eine Gruppe, welchen Mehrwert ein Zusammenschluss junger Menschen aus dem Biolandbau bieten müsste – von politischer Vertretung bis zu gegenseitiger Unterstützung. Ein weiterer Workshop nahm die Zukunftsfähigkeit eigener Betriebe unter die Lupe und leitete aus Stärken, Schwächen und globalen Trends konkrete Ziele ab, die die Teilnehmenden sich in einem Jahr per Post selbst in Erinnerung rufen.

Und im Workshop «Vom Träumen ins Handeln» schrieben die Teilnehmenden nach einer gedanklichen Reise ins Jahr 2050 ihre Wünsche für eine positive Zukunft nieder – mit dem Auftrag, jetzt den nächsten kleinen, realen Schritt daraus abzuleiten.

Bio-Gipfel: Sinn und Zweck

Der Bio-Gipfel ist eine Veranstaltung mit nationalem Charakter und richtet sich an alle Interessierten der Bio-Wertschöpfungskette. Der Anlass fand bislang einmal pro Jahr an der BFH-HAFL statt und bot Interessierten Raum und Möglichkeit den Bio-Markt mitzugestalten und Kontakte zu pflegen und zu knüpfen. Hinter dem Bio-Gipfel stehen fünf Trägerschaftsorganisationen, namentlich «Bern ist Bio», Bio Bern, BFH-HAFL, INFORAMA und FIBL.

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