
Zahlen vom Bundesamt für Statistik aus dem Jahr 2021 zeigen: 18’082 von total 49’363 Landwirtschaftsbetrieben in der Schweiz haben in irgendeiner Weise neue Technologien eingeführt. Das sind 37% aller Betriebe – mittlerweile dürften es noch mehr sein.
Der Anwendungsbereich ist breit und geht von betrieblicher Planung mit dem Smartphone, wie beispielsweise die Ernteplanung oder das Maschinenmanagement, über Technologien auf dem Feld und in der Tierhaltung bis hin zu spezieller Software im Büro.
Digitalisierung im Stall
In modernen Ställen sind Arbeitsschritte wie das Melken, Füttern und Entmisten oft automatisiert. Kühe werden also ohne menschliches Zutun gemolken und haben immer Zugang zu ausreichend und frischem Futter. Mistroboter sorgen für einen konstant sauberen Stall, der den Keimdruck tief hält und somit der Gesundheit der Tiere dient. Um mögliche Erkrankungen einzelner Kühe frühzeitig zu erkennen, nutzen inzwischen viele Betriebe digitale Systeme. Damit können zum Beispiel über Sensoren im Inneren der Kuh oder am Halsband laufend Daten über jede Kuh gewonnen werden, die Aussagen über ihren Gesundheitsstatus zulassen.
Bio-Landwirt Urs Siegenthaler aus Münsingen hat einen Melkroboter. Er schätzt die damit gewonnene Flexibilität: «Es gibt keine fixen Stallzeiten mehr für mich. Bei grosser Arbeitslast auf dem Feld kann ich auch einmal sehr früh oder sehr spät in den Stall gehen.» Und auch für die Kühe bringt der Roboter Vorteile. «Das Anmelken der Rinder geht viel ruhiger als früher. Der Melkroboter hat unendlich viel Geduld. So wird der Stress deutlich kleiner, da wir keinen Warteraum wie bei einem Melkstand haben». Ausserdem liefert der Melkroboter sehr viele Daten. Wenn es einer Kuh nicht gut geht, wird das neu viel früher erkannt.
Weniger Arbeitsstunden auf dem Feld dank Laser-Roboter
In der Bio-Landwirtschaft ist Unkraut jäten eine grosse Herausforderung. Die chemische Bekämpfung ist nämlich verboten. Unkrautbekämpfung erfolgt bislang meist durch manuelles Jäten, mechanisches Hacken oder Abflammen. Das sind alles sehr arbeitsintensive Verfahren: Je nach Verunkrautung können pro Hektar bis zu 350 Stunden Handarbeit nötig sein! Arbeitskräfte für diese anstrengende Arbeit zu gewinnen, wird ebenfalls zunehmend schwieriger und ist ein beachtlicher Kostenfaktor.
Eine Lösung bietet das Start-up Caterra. Das Spin-off der ETH Zürich hat einen Laser-Roboter entwickelt, der mit einer Kamera Bilder erstellt, danach Unkraut von Kulturpflanzen unterscheidet und das Unkraut im Keimblattstadium gezielt mit einem Laserstrahl vernichtet. «Ziel sei es, die Handarbeit im Bio-Landbau drastisch zu reduzieren – ohne die Umwelt zu belasten», sagt Aurel Neff, Gründer und Geschäftsführer von Caterra.
Insgesamt sind derzeit elf Roboter im praktischen Einsatz. Einer davon arbeitet beim Bio-Gemüsebaubetrieb Brunner in Spins bei Aarberg.
Die Lohnjäterei von Brunner mietet den Roboter von Caterra für eine ganze Saison. Brunner sammelt aktuell Erfahrungen mit dem Gerät, bevor er den Landwirtinnen und Landwirten aus der Region eine verlässliche Preisliste für die autonomen Jät-Dienstleistungen mit dem Roboter präsentieren kann.
Noch befinden sich die Geräte in der Optimierungsphase, bevor sie dann in den Dauereinsatz kommen. «Die Nachfrage ist aber bereits jetzt sehr gross. Wir haben Anfragen von über 120 Betrieben erhalten!», so Neff.
Auch Stefan Gfeller, Leiter für Digitalisierung und neue Technologien an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL der Berner Fachhochschule, beobachtet ein stark wachsendes Interesse an neuen Technologien: «Je nach Anwendungsgebiet sind noch zu wenige marktreife Lösungen vorhanden, um die Nachfrage zu decken».
«Je nach Anwendungsgebiet sind noch zu wenige marktreife Lösungen vorhanden, um die Nachfrage zu decken.»
Stefan Gfeller, Berner Fachhochschule,
Hochschule für Agronomie-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (BFH-HAFL)
Wasser gezielt einsetzen und Zwischenfruchtsaat aus der Luft
Auch beim Thema Bewässerung kann die Landwirtschaft zunehmend auf neue Technologien setzen. Bodensensoren, wie sie etwa an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL der Berner Fachhochschule BFH getestet und eingesetzt werden, messen den Wassergehalt im Boden und helfen dabei, den idealen Zeitpunkt und die notwendige Menge für die Bewässerung zu bestimmen. Dadurch lassen sich Wasserverbrauch und Umweltbelastung reduzieren – ohne Qualitätseinbussen beim Ertrag. Eine Weiterentwicklung ist die Bewässerungsempfehlung ohne Sonden, rein basierend auf Datenmodellen zu Kulturwachstum, Bodeneigenschaften und Meteodaten. Dies ermöglicht den Landwirtinnen und Landwirten die Planung einer bedarfsgerechten Bewässerung für beliebige Parzellen.
Eine weitere wichtige Technologie für die Landwirtschaft sind Drohnen. Sie können beispielsweise dazu eingesetzt werden, die Zwischenfrüchte (Untersaat) oder Gründüngungen direkt in die noch stehende Hauptkultur einzusäen. Der grosse Vorteil: Nach der Ernte der Hauptkultur sind bereits wachsende Pflanzen vorhanden, welche die Feuchtigkeit im Boden gewährleisten und die wertvollen Nährstoffe im Boden nutzen. Die Methode erfordert windstille Bedingungen und genaue Planung, um eine gleichmässige Verteilung zu gewährleisten. Drohnen werden ausserdem bereits grossflächig eingesetzt, um Nützlinge wie Schlupfwespen gegen Schädlinge wie den Maiszünsler ausbringen. Solche Dienstleistungen werden beispielsweise von der Firma Agroline, Agrarpiloten oder Sky Work Farming angeboten.
Fortschritt ja – aber im Einklang mit der Natur und der Datensicherheit
Die Digitalisierung birgt grosses Potenzial für den ökologischen Landbau. Gleichzeitig werfen neue Technologien zentrale Fragen auf – gerade im Hinblick auf die Werte und Prinzipien, die den biologischen Landbau seit jeher prägen.
Der biologische Landbau orientiert sich traditionell an natürlichen und bewährten Methoden. Digitale Tools, automatisierte Systeme oder datenbasierte Plattformen werden daher von Bäuerinnen und Bauern wie auch von Konsumentinnen und Konsumenten teilweise auch kritisch betrachtet – insbesondere, wenn sie als Widerspruch zu den Grundwerten der Bio-Landwirtschaft wahrgenommen werden.
Die Firma Caterra steht derzeit im Austausch mit Bio Suisse. Ziel ist es, ihren innovativen Laser-Roboter bis Ende Jahr für den Einsatz im Bio-Landbau gemäss den Richtlinien von Bio Suisse offiziell zugelassen zu bekommen. Derzeit ist dafür noch eine Sonderbewilligung erforderlich.
«Da unser Verfahren bodenschonend ist, keinerlei Nebenwirkungen verursacht und weder Mikroorganismen noch das Bodenleben beeinträchtigt, sind wir zuversichtlich, dass die Delegierten von Bio Suisse der Zulassung unseres Roboters zustimmen», erklärt Aurel Neff von Caterra.
«Viele Landwirtinnen und Landwirte machen sich Sorgen bezüglich der Datensicherheit. Hier ist es wichtig, dass das Datenmanagement und die Zugriffe klar geregelt sind und die Infrastruktur aktuell gehalten wird.»
Stefan Gfeller, BFH-HAFL
Eine weitere Herausforderung der Digitalisierung sind die anfallenden Daten und deren Nutzen. Mittels digitaler Lösungen werden oft grosse Mengen betriebliche Daten erfasst. Diese gehören grundsätzlich dem Betrieb. Mit dem Kauf einer Maschine wird jedoch meistens eingewilligt, dass der Hersteller die Daten ebenfalls nutzen darf. «Laut Umfragen machen sich viele Landwirtinnen und Landwirte Sorgen bezüglich der Datensicherheit. Hier ist es wichtig, dass das Datenmanagement und die Zugriffe klar geregelt sind und die Infrastruktur aktuell gehalten wird», sagt Stefan Gfeller von der BFH-HAFL.
Weiterführend werden die anfallenden Daten häufig heute noch zu wenig genutzt. Die Daten aus der landwirtschaftlichen Produktion müssen analysiert und ausgewertet werden, damit auch wirklich ein Nutzen entsteht. Eine häufige Hürde ist dabei die Schnittstelle zwischen verschiedenen Systemen und Technologieanbietern. Es braucht Forschung, transparente Prozesse und einen offenen Dialog zwischen Technologieanbietern, Bio Suisse und der landwirtschaftlichen Praxis. Nur so können gemeinsam tragfähige Lösungen entwickelt werden, die mit den Prinzipien des biologischen Landbaus im Einklang stehen.




